Was Kündigungen anrichten (derStandard.at)

Personalabbau bei Telekom Austria, Siemens oder UniCredit: Die psychosozialen Belastungen beim Jobverlust und wie geholfen werden kann, erklärt Arbeitspsychologe Boris Zalokar.

Aus den Medien vom geplanten Jobabbau zu erfahren führe bei Mitarbeitern zu Verunsicherung und Hilflosigkeit, das sei ein guter Nährboden für interne Konflikte, erklärt Arbeits- und Gesundheitspsychologe Boris Zalokar. Mit Ellbogentechniken soll der eigene Arbeitsplatz gesichert werden. Entscheidend sei in dieser Phase die Kommunikation im Unternehmen, auch als Zeichen der Wertschätzung und Anerkennung, so der Experte. In dieser Unsicherheitsphase werden individuelle Bewältigungsmechanismen aktiviert. Zusammengefasst: je besser die Ausbildung, desto besser die Strategien für die Zukunft. Viele gut qualifizierte Mitarbeiter verlassen in dieser Phase freiwillig und ziemlich rasch das Unternehmen.

Zuerst ein Schock

Die Kündigung selbst stelle für viele Betroffene im ersten Moment einen Schock dar. “Gekündigte verfallen in eine Starre, weil sie die Zukunftsoptionen zu diesem Zeitpunkt nicht sehen”, so der Psychologe. Die Schockphase sollte aber nach spätestens einer Woche überwunden sein, danach folge eine erste Aktivierungsphase. Und die ist für die seelische Gesundheit entscheidend. “Denn wenn man immer nur Absagen auf Bewerbungen erhält, kann sich die Aktivierungsphase schnell in Resignation und depressionsähnliche Zustände umwandeln mit gravierenden Folgen für die Gesundheit”, so Zalokar.

Gekündigte holen sich selten Hilfe

Psychologische Hilfe werde nur selten von Gekündigten angenommen. “Zum einen würde diese Hilfe ein Eingeständnis des persönlichen Versagens bedeuten, zum anderen gibt es dafür auch kaum finanzielle Unterstützung”, so die Begründung von Zalokar. Er plädiert gleichzeitig dafür, psychologische Auffanggespräche unmittelbar nach der Kündigung salonfähig zu machen.

Kommunikation ist auch für die im Unternehmen Verbliebenen ein entscheidender Faktor. “Der Führungsstil wirkt sich auch hier auf die Gesundheit aus und kann Narben hinterlassen”, so die Erfahrung von Zalokar. Mangelnde Fairness, fehlende Werten und keine Partizipationsmöglichkeiten im Veränderungsprozess stellen für den Psychologen bereits ein Naheverhältnis zum Burnout her.

Kündigung oft verheimlicht

Kündigungen sind nach wie vor ein Tabuthema und die psychosozialen Risiken in Österreich wenig erforscht. Häufig werde ein Jobverlust auch vor Freunden und der Familie verheimlicht. Aus Angst, das persönliche Versagen zuzugeben, vor dem Wegbrechen der positiven Dinge, die man über die Arbeit transportiert hat, oder dem sozialen Wertverlust werde die Kündigung verschwiegen. Dabei wäre gerade das soziale Umfeld als Auffangnetz und auch für eine Perspektive von außen besonders wichtig, so der Fachmann. Denn durch das Verheimlichen bestehe die Gefahr, “noch tiefer in das schwarze Loch zu fallen”.

“Opfer durch Nähe” nennt die Psychologie die verzögerten Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf das Umfeld. Untersuchungen haben ergeben, dass der familiäre Stress, bedingt durch Arbeitslosigkeit, mit einem Verzögerungseffekt zu vergleichbaren Symptomen bei den Angehörigen geführt hat. Für den Betroffenen mache es kaum einen Unterschied, ob er im Rahmen einer Kündigungswelle oder als Einziger seinen Job verloren hat, entscheidend seien seine Bewältigungsstrategien. “Kündigungswellen werden durch die Medien zu einem gesellschaftlichen Thema, trotzdem hat auch hier der Einzelne das Problem”, so Zalokar. (Gudrun Ostermann, DER STANDARD, Printausgabe, 19./20.7.2008, Link zum Artikel: www.derstandard.at)